1985
„Mittlerweile (1985) war ich soweit hergestellt, dass wir es wagten, eine Reise zu der Familie meines Mannes in Bhimtal, Indien zu unternehmen. Victor hatte Heimweh. […] Bhimtal liegt im Fußgebirge des Himalajas in Kumaon, unmittelbar westlich von Nepal.“
Dorfpriester behandelt Karen mit Brennnesselöl 1985

„Nun begab sich der Priester an meine Behandlung. Zunächst wedelte er mit einem Zweig eines bestimmten Strauchs (Prinsepia utilis) über Arm und Bein, während er monoton Mantras auf Sanskrit murmelte. Er ließ ein Brennnessel-Öl zubereiten, das er auf meine rechte Hand bis zum Ellenbogen und meinen Fuß bis zum Knie auftrug. Das Brennnessel-Öl bestand aus frischen Brennnesseln, im scharfen Senföl unter Zugabe von Kampfer gekocht und dann gesiebt. Wie der Priester die Massage machte, verdient noch heute meine Bewunderung. Er rieb beispielsweise meine rechte Außenhand ab, kräftig, aber nicht zu kräftig, er nahm die einzelnen Fingerglieder sanft, aber nicht zu sanft. Die Durchblutung funktionierte, so dass mein Arm und mein Bein ganz warm wurden. Obwohl er keine Ausbildung in Krankengymnastik hatte, wirkte sich die Massage wunderbar auf mich aus. Wochenlang roch ich streng nach Senföl, es war allerdings angenehmer als das Leopardenfett.“
Seite 151
Berggeister
„Victors Bruder Fredy erzählte von einem Sadhu, der sich vor wenigen Jahren auf dem unbewohnten Berg Hirrup jenseits der Sattalseen niedergelassen hatte. Sadhus sind die „heiligen“ Männer Indiens, die nur mit einem orangenen Tuch bekleidet und ohne Besitz in völliger Freiheit durch die Gegend pilgern.“ (Seite 152)
„In den umliegenden Dörfern war Hirrup als verzauberter Berg bekannt, da dort ein „Geist“ hauste. Der Sadhu lebte dort eine Weile als Eremit, bis er seine „Erleuchtung“ bekam. Seit kurzem würde er Besucher empfangen, sagte Fredy, und ihnen Umweltschutz predigen.“
Seite 153
„Einen Sadhu, der auf einem verzauberten Berg Umweltschutz predigte, wollte ich unbedingt sehen. Ich wusste, dass der Weg dorthin steil und beschwerlich war, aber ermuntert durch Victor beschloss ich, den Besuch zu wagen. Fredys Frau Ranjana und Peter, Victors jüngster Bruder, wollten den Baba auch sehen, der alte Schäferhund Trigger lief mit.“ (Seite 153) „Der Baba war überrascht uns zu sehen und erkundigte sich nach meinem Leiden. Er trug lange schwarze Haare, einen langen Bart, hatte ein charismatisches Gesicht und sprach nur Hindi. Victor überreichte ihm das Geschenk, und der Baba sagte, er habe noch nie durch ein Fernglas geschaut. Wir liefen einige Schritte zum Rand des Abhangs, und der Baba richtete das Fernglas auf eins der Dörfer, das weit unter uns im Tal ausgebreitet lag. Gespannt beobachtete ich seine Reaktion. Victor übersetzte: „Das Dorf ist ja gleich hier vorne angekommen!“ sagte er und zeigte mit der Hand vor seine Füße. Danach saßen wir in seiner Hütte, tranken süßen Tee, während der Baba erzählte.“
Seite 155/156
Höchster Berg über Bhimtal
„Endlich wurde ich der Anstrengung gewahr: Mein rechtes Bein ging nach innen, ich wurde müde und schleppte mich hoch auf den Gipfel. Dort ließ ich mich einfach fallen vor Erschöpfung und schaute nicht auf die atemberaubende Landschaft. Voller Panik dachte ich, nun musst du noch den ganzen Weg zurück!“ (Seite 159)
„Allmählich erholte ich mich, kann sein, dass der Tee dafür verantwortlich war. Mit einem Mal wurde ich mir plötzlich meiner Umwelt bewusst: Ich entdeckte einige weiße Wolken, daneben blauer Himmel, im Hintergrund die für mich namenlosen Berge, links von mir den Bhimtalsee, dann sah ich, dass ich auf kurzem Gras saß. Ringsumher waren Geröll, kleine Felsen. Rechts erblickte ich Euphorbien, die am Hang steil aufragten. Zwischen ihnen, in weiter Ferne, war Hirrup zu sehen. Es war eine grandiose Landschaft.“
„Ich stand auf und wanderte langsam zur rechten Seite. Da war ein hoher Felsen mit Büschen. Lauerte ein Leopard auf Victor oder mich? Oder behandelte der Leopard uns wie einen Freund? Lauter irrationale Gedanken schossen mir durch den Kopf. Da sah ich Victor, erlöst winkte ich ihm zu. Die Phantasien waren mit einem Male wie weggeblasen.“
Seite 160
Gästehaus (homestay) der Familie Smetacek in Bhimtal, Indien
